Von der kleinen Venus zum ›Großen Herrgott‹

Text über Dörfer und Landschaften zwischen Hunsrückhöhenstraße und Moseltal von Uwe Anhäuser, Hunsrück und Naheland, DuMont-Kunst-Reiseführer, 1987





Wild- und Rheingrafs Hifthorn gellte
einst zur Jagd auf Sau und Hirsch,
und der Römer und der Kelte
zog vorzeiten hier auf Pirsch.


Wilhelm Petri


Kleinich, Wederath und Hinzerath, Hoxel, Herl und Heidenberg sind einige unter dem halben Hundert meist deutlich unter 500 Einwohnern zählender Orte zwischen Hunsrückhöhenstraße und Moseltal, deren Namen bereits etwas Unscheinbares zu suggerieren scheinen, obwohl diese so wenig bekannte Landschaft in Wahrheit voll Überraschungen steckt. Geologische Raritäten wie die aus Tonschiefern herausgewitterten und zu gewaltigen Felsriffen zerklüfteten Quarzitkämme (›Wacken‹) findet man über den tief eingekerbten Tälern der Großen und der Kleinen Dhron. Dazu die unberührten Vegetationszonen des Rockenburger Urwaldes oder der hochmoorartigen Brücher um den Erbeskopf, auch die im Frühjahr von gelber Blütenpracht der Wildnarzissen übersäten Wiesen: Solche Kostbarkeiten geben nicht nur einen von Industrie oder urbanen Wucherungen gänzlich verschonten Rahmen für intime Dorfidyllen, einsame Bachmühlen, Forsthäuser und Bauernhöfe ab, sondern tragen auch eine seltene Vielfalt historischer Spuren, denen nachzugehen sich lohnt. Auch in den Sammlungen des Rheinischen Landesmuseums Trier zeigt sich der außergewöhnliche vor- und frühgeschichtliche Reichtum dieser Region, die heute - dies sei nicht verschwiegen - zu den ärmsten im deutschen Westen zählt.

Obwohl nicht wenige Orte an der Dhron, um die einstige Mark Thalfang und auf den moselwärts ragenden Höhenrücken römerzeitlichen Ursprungs sind (wie z.B. Büdlich, das vormalige ›Budigalla‹), deuten die meisten auf fränkische und spätere Besiedlung hin. Dies kommt in der auf eine Siedlungsanlage mittels Waldrodung weisenden Namensendungen mit -rodt, -roth, -rath, oder -rt zum Ausdruck, die hierzulande so häufig vorkommt, dass man sogar vom ›Hunsrücker Rathländchen‹ spricht. Recht belustigend klingt eine Anekdote, derzufolge ein Graf von Hunolstein, als er seinen Hintersassen Höfe zur Bewirtschaftung anvertrauen wollte, auf wenig Interesse gestoßen sei. Keiner der zur Vergabe herbeigekommenen Bauern habe sich jedenfalls um die kümmerlichen Ländereien mit erkennbarem Eifer bewerben wollen, so dass der Grundherr schließlich unwirsch ausrief: »Entweder mehr oder weniger!« Derjenige, dem die vier armseligsten Höfe zum guten Schluss noch aufgenötigt werden konnten, soll sie nach dem Appell benannt haben, und daraus wurden die Dörfer Wederath, Me(h)rscheid, Odert und Wenigerath.

Zwischen Wederath und Hinzerath erhebt sich am höchsten Punkt (562 m) der Hunsrückhöhenstraße neben einem Parkplatz der Stumpfe Turm. Dieser schmucklose Zylinder aus Bruchsteinmauerwerk, elf Meter hoch und sechs Meter im Durchmesser, steht zwar unmittelbar dort, wo die B 327 auf einem längeren Stück exakt über der Trasse der uralten Ausoniusstraße verläuft, aber er ist eindeutig späteren Ursprungs. Vermutlich diente er als Wacht- oder Zollturm für die vom kurtrierischen Erzbischof Balduin drunten am Dhronoberlauf errichtete Baldenau, der einzigen Wasserburg des Hunsrücks. Man erblickt sie als malerische Ruine unter diesem windumbrausten Höhenzug, vom Stumpfen Turm und der durch eine prächtige Birkenallee führenden Bundesstraße aus.

Hier ist der Boden Belginums, jener antiken Siedlung (vicus), welche Ausonius zwar in seinem Mosellagedicht zu erwähnen versäumte, die gleichwohl aber zu den hervorragendsten Fundplätzen im einstigen Trevererland gerechnet werden muss. Mehr noch: Dieser heute bloss noch vom Fahrzugverkehr belebte Buckel trug zwischen den Kreuzungen Kleinich - Hochscheid und Wederath - Hinzerath vom frühen Latène bis zum spätrömischen Niedergang nicht nur ein kontinuierlich besiedeltes Straßendorf, nicht nur Wohnhäuser, Wirtschaftsgebäude und mehrere Tempel, sonder auch eine der größten und für die Forschung ergiebigsten Nekropolen im gesamten keltisch-römischen Raum. »So widersprüchlich es auf den ersten Blick erscheinen mag«, schrieb der in Belginum tätige Archäologe Alfred Haffner, »es sind die Gräber, die es uns ermöglichen, das Leben zu rekonstruieren.«



 
 Werben im Reiseführer

Kostenlose
Internet-Anzeigen
in der Bettenbörse
 




Ergänzungen und Korrekturen  Ortsliste  Reiseführer für Mosel, Eifel und Rhein