Kirchberg Info

Text von Uwe Anhäuser, Hunsrück und Naheland, DuMont-Kunst-Reiseführer, 1987


Unter dem Teufelsfels


Kirchberg, im einheimischen Dialekt als ›Kerbrich‹ und im weiteren Umkreis so einfach wie zutreffend als ›Stadt auf dem Berge‹ bekannt, ist wirklich ein nahezu von allen nur einigermaßen hochgelegenen Aussichtsstellen des Hunsrücks auf über Dutzende von Kilometern anzupeilender zentraler Knotenpunkt. Es bedarf nicht einmal besonderer Phantasie, sich vorzustellen, wie bedeutend diese heute nur noch durch die Michaelskirche und einen Wasserturm bestimmte Kulisse gewirkt haben muss, als sich noch die in Ansichten Merians und Meisners überlieferten Umrisse der mittelalterlichen Stadtbefestigung zeigten. Damals wie heute ist zweifellos die innerörtliche Straßenkreuzung wichtig: Aus vier Richtungen kommen hier mit der Bundesstraße 50 und der sie überquerenden Verbindung zwischen Mosel und Nahe (B 421) Verkehrswege von mehr als bloß regionaler Orientierung zusammen. Von dieser Vorzugslage hat Kirchberg seit je profitiert.

Die gegen Süden aus der Stadt weisende Strecke nach Kirn führt zunächst über die wellige Hochfläche bis Dickenschied. Zwei Kirchen krönen den Umriss dieses landschaftlich schön gelegenen Ortes. Den vierzehn Nothelfern ist der Bau für die katholische Gemeinde geweiht; 1842-1844 errichtet, ahmt er romanische Formen nach. Bemerkenswert sind eine spätgotische Pietà sowie die Ausstattung (18. Jh.), darunter zwei Heiligenfiguren. Die evangelische Pfarrkirche ist jüngeren Datums: Baumeister Hans Best aus Bad Kreuznach gestaltete 1914-1916 diesen Saalbau in barockisierenden Formen, die aber auch deutlich vom Jugendstil beeinflusst erscheinen (z. B. Ornamente an hölzernen Pfosten der Orgeltribüne).

Dickenschieds evangelisches Gotteshaus war seit 1934 Wirkungsstätte des Pfarrers Paul Schneider (1897-1939), der als ›Prediger von Buchenwald‹ zum Blutzeugen der christlichen Glaubens während der nationalsozialistischen Schreckensherrschaft geworden ist. Er liegt auf dem Gemeindefriedhof vor dem Ortseingang aus Richtung Kirchberg bestattet. Die evangelische Kirche im Rheinland ehrt den im KZ umgebrachten Märtyrer als Vorbild für kompromisslose Standhaftigkeit im Glauben.

Auch in anderer Hinsicht hat der Landschaftswinkel um Dickenschied, zwischen Kirchberg und dem Lützelsoon, zeitgeschichtliche Geltung erlangt. Fährt man nämlich durch das winzige Fachwerkdörfchen Rohrbach südwärts weiter, kommt man nach wenigen Minuten zu einer Straßenkreuzung im freien Feld, die rechterhand nach Woppenroth abzweigt, das als ›Schabbach‹ in der unterdessen weltweit bekannten Fernsehserie ›Heimat‹ hauptsächlicher Drehort war. Das filmische Epos schildert am Beispiel einer fiktiven Familie namens Simon den historischen Wandel in der ersten Hälfte dieses Jahrhunderts, wobei Regisseur Edgar Reitz und sein Drehbuchautor Peter Steinbach mit der so eindrucksstarken Chronik deutsche Geschichte aus der sozialkritischen akzentuierten Perspektive ›von unten‹, also aus der Sicht sogenannter einfacher Leute, zugleich auch viel Atmosphärisches und Charakteristisches aus dieser Hunrückregion auf den Bildschirm brachten.

Und dann sind's von Woppenroth nicht einmal fünf Autominuten bis Schneppenbach, wo jene reale Hunsrückfigur, Johann Bückler alias ›Schinderhannes‹, bei seiner ›Butzliese‹ und ›Ami‹ sowohl einen erotischen Stützpunkt als auch geheimen Bandensammelplatz unterhielt. Drunten im verschwiegenen Tal hat er auf der Schmidtburgruine des weiteren seinen heimlichen Einstand gehalten, wenn ihm die Kirner oder die Mainzer Gendarmen mal wieder zu dicht auf den Fersen waren.

Wer einen mehrstündigen Spaziergang durch eine gänzlich unverbaute Landschaft voller Idyllen unternehmen möchte, findet zwischen Schneppenbach und Woppenroth im oder über dem Talgrund des Hahnenbaches auf grandiose Weise bestätigt, dass sich seit jenen Zeiten wenigstens hier so gut wie gar nichts verändert hat. Entweder von der Schmidtburg talaufwärts gehend oder von der Straßen Woppenroth - Rhaunen (hinter einem Schieferfels links in einer Rechtskurve) aus kommt man irgendwann zu einem schlichten Holzschild, das zurück ›Hellkirch'‹ weist. Die genaue Wegstrecke entlang der mäandernden Bachschlinge und über gewundene Waldwege ist schwer zu beschreiben (Wanderkarte sehr zu empfehlen); bei beharrlicher Suche wird man aber gewiss über kurz oder lang auf ihrer dicht bewaldeten Kuppe die einsame Ruine finden.

Hellkirch', dies bedeutet die ›Kirche auf der Halde‹. Eng von Buchen und Birken umschlossen, erblickt man ihre klobigen Mauern; drei Seitenwände stehen noch und umschließen ein Geviert von etwa dreieinhalb mal fünf Meter Innenfläche. Ein massiger Schutthügel inmitten mag unter den Trümmern des eingestürzten Daches noch unausgegrabene Relikte bewahren. Dieser kleine Bau zeigt harmonisch Proportionen, ist ganz aus Schieferbruchstein aufgeführt und ordnet sich zur Stirnwand hin mit einer gotischen Fensteröffnung, die in ihrem Ebenmaß überraschende Wirkung entfaltet - von allen Seiten schaut Grün herein. Kein Sims, kein Zierat, keine kostbaren Details - hingegen die Schönheit durch pure Form.

Hoch über diesem Tal, weithin sichtbar zwischen Rheinböllen, Simmern, Kirchberg und Idar-Oberstein, steigt der urwüchsige Buckel des Lützelsoons über der Hunsrücker Landschaft empor. Ein dunkler Waldsaum umrandet sein langgestrecktes Riff aus grauweißen Quarzitklippen. Wanderwege führen unter den Felsen entlang, und schmale Pfade zweigen ab zu den wichtigen Rosseln und Brocken, zwischen denen hier und da noch Reste von Trockenmauern vorhanden sind, die zu unbestimmbarer Zeit und von unbekannter Hand aufgeschichtet worden sind. Da raunt man noch heute vom magischen ›Wählenstein‹ (Waldbeerenstein), spinnt die kuriosen Märchen vom Wilden Jäger, von Wald- oder Wildfrauen und auch jene von magisch glühenden Geldfeuerchen nach. Im gesamten Hunsrück kennt man des weiteren die mit dem Teufelsfels (568 m) verknüpfte Legende der Versuchung Jesu durch den Teufel. Dieser annähernd pyramidenförmige Quarzitklotz ragt in freier Lage über den Baumwipfeln empor. 1984 wurde gleich nebenan ein Aussichtsturm errichtet: Das Panorama ist grandios - 42 Orte im Blickfeld -, kein Wunder also, dass einst irgendein Missionar oder gewitzter Dorfgeistlicher den biederen Hunsrückern die Mär suggerierte, dass etwas so Schönes eigentlich doch nur ein rechtes Teufelswerk sein könnte.




 
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