Die Dörfer vor dem Wald

Text über Dörfer vor dem Idarwald von Uwe Anhäuser, Hunsrück und Naheland, DuMont-Kunst-Reiseführer, 1987





Von Stipshausen nach Rhaunen könnte man unterwegs nach Weitersbach abzweigen, wo neben einer malerischen Baumgruppe oberhalb des Dörfchens die Fundamente einer nach vollständiger Ausgrabung wieder zugedeckten großen Römervilla unter der Ackerkrume liegen; eine weitere Straßengabelung führte von dort auch nach Krummenau und Horbruch an der ›Ausonius-Straße‹. Auf Rhaunen zu kommt man dagegen am prähistorischen ›Königsstein‹ vorbei, einem Menhir gleich neben der Fahrbahn.

Der historische Amtssitz Rhaunen ist bereits 841 als ›Hruna‹ genannt worden und steht auf römerzeitlichen Ruinen. Später waren die Wild- und Rheingrafen hier begütert, indes die Schmidtburger Herren im 14. Jahrhundert dem Erzbischof Balduin von Trier ein Viertel des Dorfes abtreten mussten. Das Oberamtshaus der wildgräflichen und der kurtrierischen Epoche ist heute Gaststätte; nebenan erhebt sich das verschieferte Rathaus (1793) über den vier wuchtigen Holzsäulen einer offenen Vorhalle. Die evangelische Pfarrkirche wurde schon 1277 erwähnt. Aus dieser Zeit stammt ihr von gotischem Helm (mit vier Ecktürmchen) bekrönter Turm neben dem dreiseitigen Chor (15. Jh.). Innen verdienen Beachtung eine spätgotische  Sakramentsnische und vor allem die Stumm-Orgel (1723) als eines der ersten und vorzüglichsten Instrumente aus dieser Werkstatt.

Kurze Ausflüge kann man von Rhaunen ins landschaftlich herrliche Tal des Hahnenbaches (Kyrbach-Oberlauf) und hinüber nach Woppenroth zum Lützelsoon unternehmen. An einem Seitenbach erblickt man das nette Ortsbild von Hausen mit seiner auf Felsgrund errichteten Kirche (1747), deren Turmuntergeschosse noch aus dem 12. Jahrhundert herrühren, was durch die als Spoilen eingemauerten Reliefs (Kopf und Drachentöter) augenscheinlich bestätigt wird. Das Nachbardorf Oberkirn liegt mit seinen alten Bauernhäusern unterhalb einer schlichten Kirche (18.Jh.), an deren Außenwand die Grabplatte des lebensgroß im Relief abgebildeten Franz Brune von Schmidtburg (gest. 1573) lehnt. Zur anderen Seite des Hahnenbaches gelangt man von Rhaunen nach Bundenbach, dem ›Dorf der Layenbrecher‹, oberhalb des keltischen Oppidums Altburg und der ehrwürdigen Schmidtburg-Ruine. Ein Seitensträßchen verläuft durch hügelige Ackerland nach Bollenbach, einem behaglichen Ort mit alten Gehöften, und dann weiter nach Sulzbach (das über eine größere Verbindungsstraße in Richtung Herrstein aber auch schnell von Rhaunen zu erreichen ist).

Oberhalb Sulzbachs markiert ein von Gebüschen bestandener Hügel den einst bedeutenden Marktplatz Heuchelheim, über welchem schon ein Römerstraße führte, neben der ein steinerner Pinienzapfen (vielleicht Bekrönung eines Grabmals) gefunden wurde. Auch das Gelände nach Hottenbach zu, rings um die flachen Quellmulden des Hosenbaches, barg (und birgt wohl noch immer) eine große Zahl antiker Grabfunde und Siedlungsreste. Zwischen Sulzbach und Oberhosenbach verläuft durch Hochwald bis hart an Dörfchen Wickenrodt ein über mehrere Kilometer noch original erhaltenes Stück der Römerstraße, neben welcher weiter südlich im Waldstück ›Hirtenbösch‹ aus Grabhügel außer Bronzekränzen und sonstigen Beigaben auch eine unversehrt erhaltene römische Glasurne (jetzt im Kreismuseum Birkenfeld) ans Tageslicht kam. Dieselbe Straße, die man mit einer guten Karte bis hinab ins Nahetal bei Fischbach verfolgen und erwandern kann, durchquert nach den gleichfalls fundträchtigen Walddistrikten Ochsenbeck und Perchwald die noch unausgegrabene Römersiedlung Vassiniacum bei Bergen und Berschweiler.

Zurück aber vorerst nach Sulzbach, wo man sich in der letzten Zeit erfolgreich darum bemüht hat, das Andenken der Orgelbauerfamilie Stumm zu pflegen: Im Kirchensaal (18.Jh.) unter dem alten Chorturm (13. Jh). steht als Prachtstück ein vorzügliches Instrument.




 
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