Von Kirn zum Disibodenberg
Text von Uwe Anhäuser, Hunsrück und Naheland, DuMont-Kunst-Reiseführer, 1987






Der mittlere Nahelauf, nachdem er bei Kirn aus der vielerorts von schroffen Felsen flankierten Enge in breite Mulden geführt hat, ist von sanfteren Formen der Landschaft umgeben. Von der ›Stadt der Steine, des Leders und der Bierbraukunst‹ reihen sich naheabwärts bis zum Disibodenberg mehrere Ortschaften als gemütlich wirkende Kulissen neben dem Flüsschen bzw. seitlich der B 41 auf: Merxheim, Meddersheim und Staudernheim bieten sich jeweils als gefällige Ansichten bereits dem zügig Durchreisenden dar.

Aber auch Kirn selbst, wenn man es vom Parkplatz an der Umgehungsstraße aus betrachtet, breitet sich drunten als reizvoller Siedlungsraum aus. Seine Kirchtürme übersteigen markant die verschachtelten Giebel, und hoch darüber ist auf ihrem bewaldeten Bergkegel die in jüngster Zeit großflächige freigelegte Kyrburgruine zu erkennen. Im Hintergrund erblickt man den V-förmigen Einschnitt des Hahnenbachtals (auch: Kyrbachtal) mit den wuchtigen Gesteinsklötzen der gleichfalls von Burgmauern gekrönten Kallenfelsen, die sich auf dem Bergrücken rechts oberhalb zu dem bizarr gezackten Quarzitkamm der ›Kirner Dolomiten‹ fortsetzen. Und noch weiter im Hintergrund leuchtet am Hang aus dunklem Wald die Fassade des Schlosses Wartenstein herüber. So kann man hier bei einigermaßen klaren Sichtverhältnissen auf einen Blick fünf Burganlagen in Augenschein nehmen. Sie bewachten den Eingang zu der in den tieferen Hunsrück leitenden Talstrecke, an der auf halbem Weg zum Idarkopf auch die einst bedeutende Schmidtburg zu finden ist.

Zunächst aber nun hinein nach Kirn: Bei umfassenden Sanierungsmaßnahmen sind außerhalb des Altstadtkerns großzügige Durchfahrtstraßen angelegt worden, während das historische Zentrum gemäß neuzeitlichem Standard zur verkehrsberuhigten Zone ausgestaltet wurde. Das ist zwar für Fussgänger eine erhebliche Verbesserung gegenüber den vormals recht drangvollen Zuständen, habt aber auch in fast allen Winkeln zwangsläufig dazu geführt, dass die historische Bausubstanz jetzt mit einem Vordergrund auskommen muss, der hier wie exemplarisch das vom denkmalpflegerischen Kompromiss diktierte Bemühen um möglichst harmonische Einbindung moderner Elemente (Beleuchtung, Begründen, Bepflasterung) ins jahrhundertelang Gewachsene spiegelt. Ein nachdenkenswertes Beispiel (ähnlich wie auch in Idar-Oberstein, Sobernheim, Bad Kreuznach und andernorts) - gleichwohl darf man für Kirn behaupten, dass es recht hübsch gelungen ist.

Wo in früheren Zeiten die Bauern aus den umliegenden Dörfern ihre Feldfrüchte feilgeboten haben und dann in den letzten Jahrzehnten parkende Autos diese entschwundene Idylle ersetzten, findet sich jetzt ein neuzeitlicher Brunnenkomplex nebst Straßencafès. Die Viehhändler und Kutschergesellen, die noch vor ein paar Jahrzehnten im Krug am Marktplatz bei deftiger Zehr mit Nahewein und Tresterschnaps zünftige Einkehr gehalten haben, würden sich gewiss, wenn sie's erleben könnten, recht verwundert an die Nase greifen.

Der schon 841 erstmals genannte Ort ›am Flusse Kira‹ entwickelte sich unter der Kyrburg, dem Hauptsitz der Wild- und Rheingrafen, deren Vorfahren die von salischen Kaisern als Nahegaugrafen eingesetzten Emichonen gewesen waren. 1643 wurden sie als Grafen zu Salm-Kyrburg gefürstet. Während von der einst vieltürmigen Burg droben (12. Jh.) nach ihrer Zerstörung 1734 gewaltigen Ruinen der Kellergewölbe und Rundtürme geblieben sind, hat sich aus späteren Herrschaftszeiten im Städtchen Interessantes erhalten. Das ehemalige Lustschloss Amalienslust (um 1780/90) am Teichweg zeigt etliche klassizistische Details, während die einstige fürstliche Kellerei (1769-71) noch zur Gänze erhalten ist. Letztere wurde als ansehnlicher Bau in Hufeisenform und mit Mansarddächern von Johann Thomas Petri errichtet. Sehenswert ist der Mittelflügel mit dem großen fürstlichen Wappen am Giebel. Ein ehemaliges Piaristenkloster (1753-69) ist vom selben Baumeister ebenfalls als dreiflügelige repräsentative Anlage konstruiert worden. Schöne Portale, verzierte Fenstergewände, schmiedeeiserne Balkongeländer, ein nobles Treppenhaus und zwei Dachreiter mit welscher Haube schmückten den heute als Rathaus genutzten Bau. Ein dazugehöriger Achteckpavillion (1776) ist aufs Backufer gegenüber versetzt worden und gibt jetzt am Rand das Markplatzes einen netten Blickfang.




 
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