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Text von Uwe Anhäuser, Hunsrück und Naheland, DuMont-Kunst-Reiseführer, 1987



Von Kirn zum Disibodenberg


Der mittlere Nahelauf, nachdem er bei Kirn aus der vielerorts von schroffen Felsen flankierten Enge in breite Mulden geführt hat, ist von sanfteren Formen der Landschaft umgeben. Von der ›Stadt der Steine, des Leders und der Bierbraukunst‹ reihen sich naheabwärts bis zum Disibodenberg mehrere Ortschaften als gemütlich wirkende Kulissen neben dem Flüsschen bzw. seitlich der B 41 auf: Merxheim, Meddersheim und Staudernheim bieten sich jeweils als gefällige Ansichten bereits dem zügig Durchreisenden dar.

Aber auch Kirn selbst, wenn man es vom Parkplatz an der Umgehungsstraße aus betrachtet, breitet sich drunten als reizvoller Siedlungsraum aus. Seine Kirchtürme übersteigen markant die verschachtelten Giebel, und hoch darüber ist auf ihrem bewaldeten Bergkegel die in jüngster Zeit großflächige freigelegte Kyrburgruine zu erkennen. Im Hintergrund erblickt man den V-förmigen Einschnitt des Hahnenbachtals (auch: Kyrbachtal) mit den wuchtigen Gesteinsklötzen der gleichfalls von Burgmauern gekrönten Kallenfelsen, die sich auf dem Bergrücken rechts oberhalb zu dem bizarr gezackten Quarzitkamm der ›Kirner Dolomiten‹ fortsetzen. Und noch weiter im Hintergrund leuchtet am Hang aus dunklem Wald die Fassade des Schlosses Wartenstein herüber. So kann man hier bei einigermaßen klaren Sichtverhältnissen auf einen Blick fünf Burganlagen in Augenschein nehmen. Sie bewachten den Eingang zu der in den tieferen Hunsrück leitenden Talstrecke, an der auf halbem Weg zum Idarkopf auch die einst bedeutende Schmidtburg zu finden ist.

Zunächst aber nun hinein nach Kirn: Bei umfassenden Sanierungsmaßnahmen sind außerhalb des Altstadtkerns großzügige Durchfahrtstraßen angelegt worden, während das historische Zentrum gemäß neuzeitlichem Standard zur verkehrsberuhigten Zone ausgestaltet wurde. Das ist zwar für Fussgänger eine erhebliche Verbesserung gegenüber den vormals recht drangvollen Zuständen, hat aber auch in fast allen Winkeln zwangsläufig dazu geführt, dass die historische Bausubstanz jetzt mit einem Vordergrund auskommen muss, der hier wie exemplarisch das vom denkmalpflegerischen Kompromiss diktierte Bemühen um möglichst harmonische Einbindung moderner Elemente (Beleuchtung, Begründen, Bepflasterung) ins jahrhundertelang Gewachsene spiegelt. Ein nachdenkenswertes Beispiel (ähnlich wie auch in Idar-Oberstein, Sobernheim, Bad Kreuznach und andernorts) - gleichwohl darf man für Kirn behaupten, dass es recht hübsch gelungen ist.

Wo in früheren Zeiten die Bauern aus den umliegenden Dörfern ihre Feldfrüchte feilgeboten haben und dann in den letzten Jahrzehnten parkende Autos diese entschwundene Idylle ersetzten, findet sich jetzt ein neuzeitlicher Brunnenkomplex nebst Straßencafès. Die Viehhändler und Kutschergesellen, die noch vor ein paar Jahrzehnten im Krug am Marktplatz bei deftiger Zehr mit Nahewein und Tresterschnaps zünftige Einkehr gehalten haben, würden sich gewiss, wenn sie's erleben könnten, recht verwundert an die Nase greifen.

Der schon 841 erstmals genannte Ort ›am Flusse Kira‹ entwickelte sich unter der Kyrburg, dem Hauptsitz der Wild- und Rheingrafen, deren Vorfahren die von salischen Kaisern als Nahegaugrafen eingesetzten Emichonen gewesen waren. 1643 wurden sie als Grafen zu Salm-Kyrburg gefürstet. Während von der einst vieltürmigen Burg droben (12. Jh.) nach ihrer Zerstörung 1734 gewaltige Ruinen der Kellergewölbe und Rundtürme geblieben sind, hat sich aus späteren Herrschaftszeiten im Städtchen Interessantes erhalten. Das ehemalige Lustschloss Amalienslust (um 1780/90) am Teichweg zeigt etliche klassizistische Details, während die einstige fürstliche Kellerei (1769-71) noch zur Gänze erhalten ist. Letztere wurde als ansehnlicher Bau in Hufeisenform und mit Mansarddächern von Johann Thomas Petri errichtet. Sehenswert ist der Mittelflügel mit dem großen fürstlichen Wappen am Giebel. Ein ehemaliges Piaristenkloster (1753-69) ist vom selben Baumeister ebenfalls als dreiflügelige repräsentative Anlage konstruiert worden. Schöne Portale, verzierte Fenstergewände, schmiedeeiserne Balkongeländer, ein nobles Treppenhaus und zwei Dachreiter mit welscher Haube schmückten den heute als Rathaus genutzten Bau. Ein dazugehöriger Achteckpavillion (1776) ist aufs Backufer gegenüber versetzt worden und gibt jetzt am Rand das Markplatzes einen netten Blickfang ab.

Unmittelbar neben dem Rathaus erhebt sich die evangelische Kirche, die als Halle der Neugotik (1891-95) noch einen spätgotischen Chor (nach 1467) von drei Jochen mit 5/8-Schluss einbezieht, dessen reiches Netzgewölbe mit Wappenschlusssteinen versehen ist. Ältester Teil ist an diesem Sakralbau ein Turm in edler romanischer Form; seine unteren Geschosse entstammen noch dem 11. Jahrhundert. Das Innere dieses Gotteshauses birgt kunstvolle Grabdenkmäler der Wild- und Rheingrafen, darunter die Bildnisplatte des Grafen Gerhard (gest. 1473) und das wahrscheinlich von Jakob Kerre geschaffene Epitaph Johanns VII. (gest. 1531), der in charakteristischer Renaissancemanier als stark gewappneter Beter im Harnisch dargestellt worden ist. Das Wandgrab zweier Kinder des Grafen Otto (gest. 1571) zeigt deren Bildnisse im Relief, indes die Gräfin Anna von Sayn auf ihrem reich verzierten Grabmal (nach 1594) als ausdrucksvolle Bildnisfigur in Witwentracht zwischen dekorativen Pilastern vor rundbogiger Nische steht.

Kirns katholische Pankratiuskirche vermag als freilich gefälliges Bauwerk der Neugotik (1892-94) weniger mit solch ehrwürdigen Skulpturen zu prunken, bewahrt jedoch ein kostbares Sakramentshäuschen (1482): einen sieben Meter hohen Schrein mit Kielbogenbaldachin und Fialengehäuse. Die Sakralbauten und die unter den Fürsten erbauten Profanarchitekturen sind nicht das einzig Sehenswerte in Kirn; vielmehr zeigen sich (insbesondere am Steinweg) noch zahlreiche Bürgerhäuser (16.-18. Jh.) von besonderer Qualität. Die Freilegung und Restaurierung einiger Fachwerkfassaden hat dem Straßenbild wieder interessante Akzente verliehen. Besonderes Augenmerk verdient hier die Apotheke am Markt, aber auch an den im Stadtgebiet verstreuten Bauten der Gründerjahre sollte man nicht achtlos vorübergehen.

Das Hahnenbachtal aufwärts gelangt man nach drei Kilometern zum eingemeindeten Dorf Steinkallenfels, das sich recht malerisch im Schutz seiner drei mächtigen Burgfelsen drängt. Der untere Klotz trug ein ›Stock im Hane‹ genanntes Burghaus, der mittlere zeigt noch den Turmrest der Burg Kallenfels , während der oberste als einstige Burg Stein mit beträchtlichen Ruinenmassen bis heute die Kühnheit erkennen lässt, die mittelalterliche Baumeister aufbringen mussten, um diesem Fels einen Wehrbau buchstäblich aufzuzwingen. In diesen von dichtem Grün umbuschten Mauern hat sich nachweislich der Schinderhannes gern aufgehalten und seinen ›Lieblingsgegner‹, den Gendarmen drunten in Kirn wohl eine lange Nase gedreht.

Zur anderen Seite, hoch auf dem nächstfolgenden Bergsporn seitlich des Hahnenbaches, sieht man von Steinkallenfels aus das einsame Schloss Wartenstein . Ein Jahr nach seiner Gründung ist es 1348 dem Trierer Erzbischof als Lehen übertragen worden und kam 1583 in den Besitz der Freiherren von Warsberg, deren Nachkommen es noch heute besitzen. Von der 1689 zerstörten Anlagen blieben noch spärliche Reste, die sich am Felskamm hinter dem 1704 erbauten und 1728 zur jetzigen Gestalt erweiterten Gebäude verbergen. Wirtschaftsgebäude, Torhäuschen und ein Kavaliersbau wurden etwa zur selben Zeit errichtet.

Schloss Wartenstein ist heute ein empfehlenswertes Wanderziel. Der Ausblick von seiner Terrasse gehört zu den schönsten des Hunsrück- und Nahelandes, und die sich von seinem Tor verzweigenden Waldwege führen weit durch prachtvolle Naturlandschaften. Hinunter zum Dorf Hahnenbach mit seinem hübschen Gemeindehaus neben der alten Brücke dort hinauf nach Hennweiler benötigt man nicht einemal eine Wanderkarte: Trotz der dichten Forsten ringsum bleibt das Gelände stets übersichtlich.

Hennweiler, wo im einsam gelegenen Eigener Hof der Schinderhannes seinerzeit ausgerechnet beim Bibellesen (!) von den Häschern ertappt worden ist, liegt inmitten einer Gemarkung, die aus Hügelgräbern der Latènezeit wertvolle Funde für mehrere Museen im mittelrheinischen Raum ›geliefert‹ hat. Aus geschichtlichen Epochen berichtet hingegen seine 1791 einem romanischen Turm angefügte Pfarrkirche. Noch romanischer Herkunft ist auch ein Relief an der Ostseite, und die Turmhalle bewahrt kunstvolle Fresken der späten Gotik. Die Ausstattung enthält barocke Details, die Stumm-Orgel (1846) zeigt einen klassizistischen Prospekt. Schließlich verdienen nicht mindere Beachtung mehrere Wappen- und Bildnisgrabmäler der Damen und Herren von Schwarzenberg.

Die Kirche im Nachbardorf Oberhausen (Langhaus von 1743) verfügt noch über einen stilvollen gotischen Chor (15. Jh.) mit farbiger Ausmalung. An der Straße nach Dhaun gewahrt man vor einer Scheune einen alten Dorfbrunnen mit steinernem Kegeldach. Fährt man nun in Richtung Dhaun aus dem Dorf hinaus, öffnen sich weite Ausblicke über das Nahetal: Man sieht die Kyrburg drunten und das Riff der ›Kirner Dolomiten‹. Bald ist die Kreuzung am Karlshof erreicht, von wo (nach links) in wenigen Minuten das Dörfchen Dhaun angesteuert werden kann. Aber sogleich, wenn man in diesen am Steilhang erbauten Ort hineinkommt, fesselt der Anblick höchst romantisch wirkender Ruine den Blick: Schloss Dhaun ist in jeglicher Hinsicht ein Gipfelpunkt dieses Landes und seiner Geschichte.

Die Anfänge der einst hochbedeutenden Feste liegen im dunklen, wenngleich manche Heimatforscher im Namen die keltische Wortwurzel ›dun‹ (=Berg) erkennen wollen und weiter mutmaßen, dass nach dem Untergehen oder Vergessen werden einer prähistorischen Siedlung ripuarische Franken Besitz von dem Felssporn nahmen, darauf einen Stützpunkt errichteten, der aber 833 von eingefallenen Normannen zerstört worden sei. Nochmals ließen sich die Nahegaugrafen hier nieder (wohl um 1140); 1215 ist erstmals urkundlich vom Burgsitz die Rede, und 1221 benannte sich der Kyrburger Wildgraf Konrad (1214-63) ›Conradus comes de Dune‹. Lehensgeber war (seit 1215) das Trierer Maximinstift. 1337-42 kam es im Zusammenhang mit Erbstreitigkeiten um den Schmidtburger Besitz zur sogenannten ›Dhauner Fhede‹, während welcher Erzbischof Balduin Dhaun belagern und (nach seiner üblichen Manier) mit den Trutzburgen Rotenburg, Johannisberg, Martinstein, Geiersley und Brunkenstein umringen liess. Einzig von der letzteren ist am Fuß des Dhauner Burgberges auf einem Felssporn am Simmerbach noch ein Turmrest übrig geblieben; die anderen wurden gründlichst zerstört.

Dhaun selber, an dem im Zug fortgesetzter Erbteilungen praktisch alle wild - und rheingräflichen Linien Anteil hatten, erfuhr durch die Jahrhunderte unablässig bauliche Erweiterungen und Veränderungen. Schließlich erlebte es dann im 18. Jahrhundert nochmals eine Blütezeit, als Rheingraf Karl nach französischem Muster die Anlage in ein opulentes Residenzschloss umwandeln liess. Er hatte sich mit Luise von Nassau-Saarbrücken verheiratet, die seine Vorliebe für glanzvolle Hofhaltung nach Herzenslust teilte. So wurde ein palastartiger Flügelbau errichtet, dessen monumentale Ruine, nachdem ihn 1804 die Franzosen als Nationaleigentum auf Abbruch versteigert hatten, noch bis in die jüngste Zeit weiterhin die Ansicht prägte. Unterdessen hat der ›Zweckverband Schloss Dhaun‹, seit 1945 Besitzer der altehrwürdigen Stätte, für seine Heimvolkshochschule umfangreiche Teile wieder aufgebaut und eingerichtet.

Heute zeigt sich Schloss Dhaun den Besuchern als nahezu traumhafte Verkörperung all jener romantischen Ideale, aus denen sich die Vorstellung von ›entschwundener Ritterherrlichkeit‹ zusammensetzt. Neben den hochragenden Bastionen und vor einem rekonstruierten Eingangsturm (19. Jh.) breitet die 1798 als Freiheitsbaum gepflanzte Dorflinde ihr Geäst. Unter dem Turm und den Zwinger hindurch steigt man zum Torbau (1526) hinauf, einer malerischen Baugruppe mit angefügtem Ausgucktürmchen. Ein Gußerker über dem Durchlass trägt das Wappenrelief Rheingraf Philipps und seiner Gemahlin Antonie de Neufchâtel (Anf. 16. Jh.). Hinter diesem Tor öffnet sich der auf dem Gelände des vormaligen Turnierplatzes unter Rheingraf Karl nach 1729 angelegte Lustgarten. Hohe Bäume, teils Exoten, beschatten die Spazierwege, an denen im Gesträuch noch etliche barocke Figuren stehen.

Das für die Heimvolkshochschule größtenteils wiederaufgebaute Residenzschloss (nur Außenbesichtigung) lehnt sich an eine gewaltige Schildmauer, von welcher man weit ins umliegende Land schauen kann. Der aus Simmern gebürtige romantische Dichter Otto von Vacano (1827-97) hat sich hier zu Versen anregen lassen, wie überhaupt die zahlreich an diesem Ort vorzufindenden Bruchstücke uralter Reliefsteine (z.T. aussen am Rittersaal eingemauert) im 19. Jahrhundert mehreren Poeten zu denkwürdigen Werken über den ›Stiefeltrunk‹, den ›Katzenkrieg‹ oder den ›Affen von Dhaun‹ literarischen Stoff geliefert haben.

Geht man zwischen den Schlossflügeln zur Bastionsbrüstung vor, gelangt man zum großen Marmorbildwerk des Prometheus von Robert Caer. Einen Gegensatz zum grandiosen Panorama stellen allerdings die düsteren und früher berüchtigten Burgverliese dahinter dar. Man kann sie besichtigen: Hier spielten sich einst schauerliche Szenen im Zusammenhang mit Hexenprozessen (noch im 16. Jh.) und anderen Folterstrafen ab. Die in der älteren Literatur häufig zitierte ›Eiserne Jungfrau zu Dhaun‹ soll 1807 ins Museum nach München gebracht worden sein.

In die kleine Dorfkirche (18.Jh.) unweit der Dhauner Festungsmauern gelangte ein besonderer Kunstschatz in Gestalt eines biblischen Zyklus' von 25 Tafelbildern. Diese »flottgemalten Arbeiten« (Dehio) eines namentlich nicht bekannten Künstlers gehörten ursprünglich zur Ausstattung der Schlosskapelle und dürften in den Monaten vor deren Einweihung am Neujahrstag 1661 gemalt worden sein.

Nochmals ein Ausblick von Dhaun hinunter ins Kellen- bzw. Simmerbachtal (das sich auch bestens zu Exkursionen bis hinauf nach Gemünden und zum Koppenstein eignet): Drunten liegt hinter einer Biegung das Dörfchen Heinzenberg mit einer Burg, von der nur noch spärlichste Mauerreste übrig geblieben sind. Dort wohnte Wilhelm von Heinzenberg, dessen Siegel auf einigen Urkunden (13. Jh.) gefunden wurde und der als Minnesänger in der berühmten Manessischen Liederhandschrift abgebildet ist. Neben Friedrich von Hausen, der vielleicht aus Hausen am Idarwald oder von Niederhausen an der Nahe herstammte, war ›Wilhelm von Heinzinberch‹ der einzige Troubadour des Hunsrück- und Naheraumes von Belang. Die erwähnte Abbildung zeigt übrigens in seinem Wappenschild den sogenannten ›Schmidtburger Rinken‹.

Auf dem vom Dhauner Burgberg nahewärts streichenden Hügelausläufer wurde Anfang des 13. Jahrhunderts die Kirche St. Johannisberg gegründet. 1318 erhob sie Erzbischof Peter von Mainz zur Stiftskirche, während die Wildgrafen sie zur Grablege ihres Hauses erwählten. So birgt das höchst beschaulich zwischen alten Friedhofsbäumen gelegene Gotteshaus als äußerlich bescheidener Bau (14./15. Jh.) seither in Gestalt von nicht weniger als 22 Grabdenkmälern eine außergewöhnliche Galerie der Regionalgeschichte und der Bildhauerkunst.

An den ersten hier beigesetzten Landesherrn erinnert beim Aufgang zur Kanzel das Epitaph für Rheingraf Johann II. (gest. 1383). Der bärtige Ritter ist in Rüstung mit gefalteten Händen dargestellt. Gegenüber sieht man das Grabrelief der Wild- und Rheingräfin Elisabeth (gest. 1446) in gotischer Umrahmung. Friedrich I. (gest. 1447) ist als selbstbewusster Krieger lebensgroß wiedergegeben, während das Grabmal für Philipp (gest. 1521) diesen Herrn bereits als nahezu vollplastische Standfigur, zwar gleichfalls in prunkender Rüstung, mit dem schon eher theatralischen Gestus der Renaissance wiedergibt. Diese Skulptur im Kindern zeigt sich auf großem Wandepitaph Johann Christoph (1585). Zum Trarbach, offensichtlich dessen Herzog-Wolfgang-Grabmal in der Meisenheimer Schlosskirche. Trapp schuf auch das Kinderdenkmal für Johann Philipp (gest. 1591). Desgleichen gilt das Doppelgrabmal der beiden Kinder Anna Maria (gest. 1597). und Adolf (gest. 1599) als sehr stilvolle Arbeit. An Wild- und Rheingraf Adolf Heinrich (gest. 1606) erinnert ein Wappengrabstein, und das Familiendenkmal des Wolfgang Friedrich (gest. 1638) ist aus bemaltem Holz gefertigt. Letzteres wird als Zeichen für die Armut jener Zeit im Dreißigjährigen Krieg gewertet; über den knienden Figuren gewahrt man hierauf eine Abbildung des Dhauner Schlosses. Friedrich Philipp (gest. 1668) erhebt sich als Bildnisfigur in herrischer Pose mit Kommandostab zwischen üppiger Ornamentrahmung am Kanzeltreppchen, und eine Inschrift kündet von seinen Taten.

Johann Philipp (gest. 1693) und seine Gattin Anna Katharina von Nassau-Saarbrücken (gest. 1731), als »Bildnisfiguren in höchst manierierter Gebetspose auf Kissen einander zugewandt kniend« (Dehio), gewahrt man auf ihrem von allegorischen Motiven gekrönten Epitaph, als dessen Künstler der in Saarbrücken tätige Pierrar de Corail infrage kommt. Für Johann Ludwig (gest. 1711) wurde nur eine schlichte Schriftplatte angebracht, desgleichen auch für Johanna Philippine (gest. 1725). Graf Karl (gest. 1733) und Ludovicia (Luise) von Nassau-Saarbrücken (gest. 1773), Schöpfer des Residenzschlosses und des Lustgartens von Dhaun, ruhen auf einem sarkophagähnlichen Sockel unter pilasterartigem Aufbau. Ihre Kinder Karl August und Wilhelmine (beide gest. 1732) sind zwischen den Eltern dargestellt, außerdem als Wickelkind der Enkel Friedrich (gest. 1732). Im Vergleich zu den vorgenannten Grabmälern ist dieses hier zwar von minderem künstlerischem Rang, besticht aber durch seine aufwendige Gestaltung in schwarzem Marmor, aus dem golden das symbolhafte Auge Gottes hervorsticht.

Mit der schlichten Grabtafel für Dorothea Walpurga (gest. 1737) wird die Reihe der wild- und rheingräflichen Epitaphien abgeschlossen. Gleichwohl verdienen auch die für einen Stiftsherrn von Hosenbach (gest. 1323), für Pfarrer Abraham von Hellbach (gest. 1609), seine Ehefrau Elisabeth (gest. 1601), für Judith Margarethe Huffeissen (gest. 1669), Sophie Juliane von Fürstenwärther-Kellenbach (gest. 1715), den wild- und rheingräflichen Rentmeister Johann Jakop Schmidt (gest. 1729) und Maria Ferdinandine Charlotte Johanna von Donop (gest. 1756) aufgestellten Wappen- Schrifttafeldenksteine Beachtung. Einen vollständigeren Überblick vom Werden und Vergehen eines naheländischen Adelsgeschlechtes als eben hier gibt es kein zweites Mal.

Bei Martinstein erreicht man, wieder an der B 41, die touristische ›Naheweinstraße‹. Hier beginnen die Rebhänge und begleitet fast ununterbrochen das Nahetal bis zur Mündung zwischen Bingen und Bingerbrück. Martinstein erhebt sich zu Füßen eines Felsens, auf dem von der 1340 unter Erzbischof Heinrich von Mainz erbauten und 1780 geschleiften Burg keine Reste mehr geblieben sind. Hingegen gewährt das neben dem Burgberg unter hohen Bäumen stehende Martinskirchlein (1729; Chor 14. Jh.) mit dem Steinkreuz von 1754 davor noch genau denselben stimmungsvollen Anblick, wie ihn Caspar Scheuren um 1835 lithografisch festgehalten hat.

Bevor man nun weiter naheabwärts fährt, empfiehlt sich jedoch ein Abstecher ins benachbarte Simmertal (früher: Simmern unter Dhaun) mit seiner schön ausgestatteten Kirche (1730) und dem spätgotischen Rathaus als kostbarem Architekturbeispiel von 1499. Dieses älteste Bauwerk seiner Art im Naheraum enthält auch eine historische Backstube. Wirtschaftlich war der Ort bei der Simmerbachmündung durch seine Eisengießerei (den ›Simmerhammer‹) schon früh von Bedeutung und wurde 1550 als ›Waffenwerkstatt der Wild- und Rheingrafen von Dhaun‹ genannt.

Das Apfelbachtal aufwärts gelangt man von Simmertal auch zum schönen Dorf Seesbach, das bereits dicht vor dem Soonwaldrand gelegen ist. Einen ungewöhnlichen Anblick bietet im Ortskern ein wuchtiges Felsmassiv. Bemerkenswerte Bauten stellen die neugotische Laurentiuskirche (1888/89) und das ehemalige Pfarrhaus (1751) dar, die Hauptsehenswürdigkeit bildet aber die außerhalb gelegene Friedhofskapelle, auf den Fundamenten einer um die Jahrtausendwende vom Mainzer Erzbischof Willigis  geweihten Kirche errichtet. Der jetzige Bau, die Semendiskirche geheißen, entstammen im wesentlichen dem 13. Jahrhundert, wurde 1733 verändert und beschirmt im Chorraum Fresken (13. Jh.) mit Heiligen, einem Sankt Georg und dem Motiv des Jüngsten Gerichts.

Bis 1716 gehörte die Semendiskirche zur gleichfalls dem 10. Jahrhundert entstammenden und von Willigis begründeten Gehinkirche bei Auen. Dieses bedeutende Baudenkmal, unvergleichlich schön im Wald am Talhang gelegen, erreicht man entweder von Seesbach über Waldfriede und am Fliegerhorst Pferdsfeld vorbei oder von Monzigen an der Nahe über Langenthal - Auen. Von Sobernheim kann es ebenfalls über die Pferdsfelder Straße mit dem Abzweig bei Daubach angesteuert werden.

Als ›Gehinkirche Sankt Servatius‹ und später als ›Getzbachkapelle Sankt Willigis‹ war das Bauwerk in der Umgebung bekannt. Nach der Reformation (um 1560) wurde es zur Ruine und erst seit 1912 zum Teil wieder aufgebaut. Das Langhaus präsentiert sich als Rasenfläche zwischen niedrigen Mauern (in den Ecken zwei Säulen; außen lehnt, von Efeu überwuchert, noch eine alte Grabplatte), indes der Chor zur Kapelle umgestaltet wurde. Anlässlich einer neuerlichen Renovierung (1977/78) fand man in der südwestlichen Ecke römerzeitliche Fundamente und unter 158 gleichzeitigen Einzelfunden auch eine Scherbe mit dem Töpferstempel ›Merc‹. Außen am Chor dieses ältesten Gotteshauses im Soonvorland ruht übrigens Friedrich Wilhelm Utsch (1732-95), der angebliche ›Jäger aus Kurpfalz‹, an den auch das Denkmal droben bei Entenpfuhl erinnert.

Wieder ins Nahetal zurückgekehrt, kann man entweder am rechten Ufer (Brücke in Martinstein) über Merxheim - Meddersheim oder auf der linken Flussseite über Monzingen (B 41) nach Sobernheim fahren. Merxheim, das ›Merkedesheim‹ von 1061, erlebte 1504 und 1870 zwei schlimme Brandkatastrophen, so dass von seiner alten Urbanskirche nur noch ein gotischer Taufstein im Pfarrgarten übrigblieb. Unweit dieser Stelle, wo sich seit 1874 ein neueres Gotteshaus erhebt, ist die katholische Borromäuskirche im und am Neuen Schloss (1791) der im Ort begüterten Vögte von Hunolstein eingerichtet worden. Bei diesem handelt es sich um einen repräsentativen klassizistischen Bau mit giebelbekröntem Risalit an der Straßenfront. Das 1570 errichtete, 1779 und in jüngster Zeit erneuerte Rathaus zeigt als Bau der Renaissance zur Straße hin einen Rechteckerker mit Masken und Rankenwerk an der Brüstung. Noch etliche Wohnhäuser (16.-18. Jh.) im Ort sowie eine doppelbogige Hofeinfahrt (1592) mit reliefgeschmückten Gewänden und einer niedrigeren Personenpforte erzählen vom kunstbeflissenen Wohlstand der historischen Vergangenheit.

Das benachbarte Meddersheim gründet sich auf einen schon zur Römerzeit genutzten Siedlungsboden. Auch in diesem Ort sind an zahlreichen Wohnhäusern noch interessante Details von alter Bauzier (Türgewände, Brüstenreliefs) zu betrachten. Der ehemalige wildgräfliche Hof mit einem recht klobigen Treppenturm (1592) und das schlichte Renaisancerathaus (um 1600 belegen des weiteren die noble Geschichte des Winzerdorfes, dessen spätgotischer Sakramentsschrein und die Stumm-Orgel (1757) gehören nebst Gemälden (18. Jh.) mit biblischen Motiven an der Empore zum sehenswerten Inventar.

Gegenüber von Merxheim auf dem anderen Ufer der Nahe liegt über einer geologischen Schwelle im Seitentälchen das kleine Weiler mit seiner Kirche (Turm 13. Jh.), die im Chor ein prächtiges Sterngewölbe (15.Jh.) nach dem Muster der Meisenheimer Schlosskirche enthält. Der ehemalige gräflich Sponheimer Hof (1752) verfügt über ein Treppenportal mit geschnitzter Tür im Stil des Rokoko.

An Monzingen braust man via Bundesstraße gewöhnlich ohne jedes nähere Hinsehen vorbei. Der historische Ortskern gibt sich, da vielfältig verschachtelt, erst aus der Nähe als einzigartiges Ensemble zu erkennen. Weit bekannter als die großartigen Bauwerke hier ist allerdings  der Monzinger Wein, der ja neben Goethe auch manche minderen Dichter zu Lobesworten verleitet hat. Von erlesenem Geschmack zeugen hinwieder auch Monzingens Fachwerkhäuser, allen voran das Altsche Haus (1589) mit seinen reichen Balkenornamenten und figürlichen Schnitzereien. Schöne Fachwerk mit Erkern zeigen noch mehrere Häuser in dem schon 778 erstmals urkundlich erwähnten Weinort, dessen Pfarrkirche ein weiteres Kleinod darstellt: Unter einem Dachaufbau der Spätgotik vereinen sich hier Architekturelemente vom 12. bis 15. Jahrhundert; der grandiose Chor mit seinem Sterngewölbe (1488) und die gleichfalls mit hängendem Schlussstein sterngewölbte anschließende Kapelle (1505) sind unter dem Meisenheimer Baumeister Philipp von Gmünd geschaffen worden. Das klassizistische Friedhofsportal (um 1830), ein Dorfbrunnen (um 1840) und das klassizistisch-neugotische Rathaus (1861-64) tragen noch weiter zu Monzingens Rang als kunsthistorischer Musterort bei.

Von einem für 1346 im benachbarten Dörfchen Nußbaum bezeugten Burgsitz gibt es keine sichtbaren Spuren mehr, doch seine kompakte Wehrkirche (14. Jh.) und ein aus einem Schlösschen der Steinkallenfelser Herren (1589) hervorgegangenes Hofgut vermitteln durchaus eine Anschauung von reger Ortsgeschichte im Einflussbereich der Wild- und Rheingrafen, der Sponheimer und noch mancher anderer Gebieter.

Nun ist rasch Sobernheim erreicht, 1074 zum Mainzer Erzstift gehörig und 1292 mit Stadtrechten bedacht. Trotz Niederlegung der Wehrmauern und Einäscherung durch die Franzosen um fatalen Zerstörungs- und Jammerherbst 1689 wirkt die Fülle an ehrwürdiger Bausubstanz überraschend. Bedeutendstes Monument ist hier die bereits 976 durch Willigis begründete Matthiaskirche. Der jetzige Bau entstammt weitgehend der Spätgothik und enthält umfangreiche Teile aus dem 15. Jahrhundert, darunter den Chor mit seinen erstaunlich geformten Fischblasenmaßwerkfenstern und einen feinen Sterngewölbe. 1963/64 konnten Fresken gleichfalls spätgotischen Stils freigelegt werden, die zu gediegenen Gesamteindruck nunmehr wieder besonders beitragen. Auch die Stumm-Orgel (Anf. 18. Jh.) und die von Georg Meistermann entworfene modernen Fenster(1963/64) erhöhen den Rang dieses Gotteshauses als Kunststätte beträchtlich. Das Bildnisgrabmal des stark gewappneten Rittes Richard von Löwenstein (gest. 1463) sowie mehrerer Epitaphien (16. u. 17. Jh.) anderer Herren vervollständigen die noble Ausstattung. In der Außenansicht vermittelt der 1500 vom Meisenheimer Baumeister Peter Ruben aufgeführte Westturm mit seinem steinernen Helm über Brüstungsmaßwerk einen unverwechselbaren Akzent.

Die katholische Pfarrkirche ist als neugotische Halle erst 1898/99 konstruiert worden und entfaltet eine angenehme einheitliche Raumwirkung. Mehrere bemerkenswerte Grabmäler (15.- 18. Jh.), darunter das wertvolle Bildnisepitaph des Gerhard Lander von Sponheim (gest. 1488), sind aus der profanierten Johanniterkapelle hierher überbracht und aufgestellt worden, desgleichen ein Sakramenthäuschen der Spätgotik. Von der ehemaligen Kommende der Johanniter, deren spätgotische Kapelle (Mitte 15. Jh.) trotz baulich kaum versehrten Zustandes heute ein trauriges Schattendasein fristet, blieb ansonsten nur ein unscheinbares Wohngebäude (mit Portal von 1750). Dem am einstigen Untertor angesiedelten Disibodenberger Hof gehörte ebenfalls eine im spätgotischen Stil gehaltene Kapelle (Anf. 15. Jh.), die zum Lagergebäude verkam. Besser erging es der lutherischen Philippskirche (1737), einem rechteckigen Saalbau mit Dachreiter, die eine Funktion als Gemeindehaus erhielt.

Auch Sobernheim war, ähnlich wie Meisenheim, bevorzugter Standort für Adelshöfe der benachbarten Herrschaften. Ehemhof (16.-18. Jh.), Kratzscher Hof (nur noch Treppenturm des 16. Jh. bewahrt), Steinkallenfelser Hof (1532) und der ehemalige Malterserhof (18. Jh.) sind als baulich z.T. stark veränderte Relikte dieser Tradition geblieben. Der Priorhof von 1572 erhebt sich, im Inneren zwar ›ausgebeint‹, nach einer grundlegenden Sanierung (1978-82) wieder als sehenswerte Fassade. Doch braucht man in Sobernheim eigentlich nicht lange nach derart geschichtsträchtigen Architekturen zu suchen, denn überall im Stadtbild finden sich ausser diesen noch viele Bürgerhäuser (16.-18. Jh.), die, insgesamt betrachtet einen beachtlichen historischen Bestand ausmachen. So gilt als beliebtes Fotomotiv seit vielen Jahren das HausZum kleinen Erker (17. Jh.), das dem 1535 erbauten und später (19. u. 20. Jh) veränderten Rathaus beinahe den Rang ablaufen könnte. Letzteres gefällt als Blickfang mit einer zum Marktplatz weisenden Maßwerkbrüstung.

Im übrigen eignet es sich gut als Start- und Orientierungspunkt für einen Bummel durch den inneren Stadtbereich, der dank fußgängerfreundlicher Umgestaltungsmaßnahmen der jüngsten Zeit geradewegs zu kleinen Entdeckungsgängen auffordert. Dabei gelangt man sicher auch zum Vorgelände des Bahnhofs, auf welchem ein Denkmal mit Bronzefigur an den Pastor Emmanuel Felke erinnert, der 1915 nach Sobernheim kam und bis zu seinem Tod 1926 das Werk seines Schülers Andreas Dhonau förderte: Dies wirkt noch heute fort, denn die Heilverfahren nach der Weise des berühmten ›Lehmpastors‹ genießen im Zuge der aktuellen Rückbesinnung auf die wirkungsstarken Gesundungsmittel der Natur wieder bedeutende Aufmerksamkeit. Kurhäuser in Sobernheim und Meddersheim werden mit zeitgemäß entwickelten Einrichtungen solcher Nachfrage gerecht.

Etwas abseits des Städtchens, im Nachtigallental jenseits der Nahe, stehen die kulturhistorisch wertvollen Baugruppen eines Freilichtmuseums, das nach und nach alle architektonisch relevanten historischen Siedlungsformen in Rheinland-Pfalz dokumentieren soll. Diese gemäß einer weitreichenden Konzeption noch auf jahrzehntelangen Zuwachs auslegte Sammlung enthält bereits wichtige Objekte aus allen Einzellandschaften des Bundeslandes, wobei in Anbetracht der räumlichen Nähe Hunsrück und Naheland schon besonders charakteristisch mit Fachwerkbauten vertreten sind. Das alte Rathaus aus Hasselbach, die Dorfschmiede aus Alterkülz, ein Winzerhaus aus Weinsheim, das Schusterhaus von Wallhausen, ein Rapperather Bauerngehöft, das Bickenbacher Einhaus und der Winterburger Tanzsaal sind die an ihren einstigen Standorten abgebrochenen und hier wieder originalgetreu zusammengesetzten Hauptschaustücke. Zur musealen Zielsetzung, die beharrlich Zug um Zug realisiert wird, zählen des weiteren die Sammlung kleiner Monumente wie Wegkreuze oder Grenzsteine sowie die Rekultivierung ländlicher Produktionsquellen (Flachsverarbeitung) und von einstmals typischen Bauerngärten.

Das benachbarte Staudernheim gibt sich ansehnlich mit seinen die Kulisse schon von weither bestimmenden Kirchtürmen. Der salm-kyrburgische Baumeister Johann Thomas Petri aus Kirn hat 1768-70 die von einer zierlich-eleganten Turmhaube überhöhte Johanneskirche als gefälliges Sakralmonument geschaffen, das sich mit dem gleichzeitig errichteten Pfarrhaus zu einer harmonischen Baugruppe vereint. Die neugotische evangelische Kirche (1870) setzt dazu schon aus der Fernsicht einen interessanten kontrapunktischen Akzent. Bürgerhäuser (17. u. 18. Jh.) vervollständigen dieses stimmungsvolle Bild eines schönen Dorfes am Naheufer.

Von Staudernheim an der Nahe nach Odernheim am Glan ist es über die Flanke des Disibodenberges nur ein Katzensprung. Odernheim mit seinem 1541 unter Pfalzgraf Wolfgang erbauten Rathaus, einem rustikalen Schlösschen (1567) derer von Pfalz-Zweibrücken, seiner schlichten Saalbaukirche (1738) und dem Obertor (1763) als letztem Rest der einstigen Stadtumwallung wirkt als hübscher Wohnort, den überdies noch anspruchsvolle Bürgerbauten (16.-18.Jh.) bereichern, fraglos anmutig schon auf den ersten Blick.

Die Straße hinauf nach Duchroth (schöne Winzerhöfe 17.-19. Jh.; Rathaus 16. Jh.) gewährt vom Schillerstein und vom Schönblick aus eindrucksvolle Panoramen der Gegend am Zusammenfluss von Nahe und Glan. Dominierend über steilen Rebhängen zeigt sich hier mit seinem Waldschopf von uralten Bäumen der sagenhafte Disibodenberg, Träger bzw. Standort einer Ruinenstätte, die gewiss zu den sowohl geheimnisvollsten als auch spurenträchtigsten Geschichtsorten in ganz Deutschland zu rechnen ist. Die Rebhänge reichen bis unmittelbar an die tausendjährigen Mauern heran.

Am schönsten ist's hier im Frühjahr spazierenzugehen, wenn überall zwischen den bemoosten Steinen, an Säulenbasen und aus den Apsiden von Kirchenruine und Klostergebäuden frisches Grün mit den ersten zarten Blüten hervorsprießt. Dabei darf man sich an die heilige Hildegard von Bingen erinnert fühlen, die als Klosterfrau mit dem Disibodenberg ihre visionären Träume oder Botschaften von der göttlichen ›Grünkraft‹ empfangen hat. In der nachweislich schon vor dem Jahr 700 vom Glaubensboten Disibod gegründeten Abtei wirkte sie seit 1136 als Vorsteherin, ehe sie auf dem Rupertsberg bei Bingen 1148 ein neues Kloster bezog. ›Der Weg der Welt‹ ist ihr Hauptwerk betitelt, und Leitsätze darin verweisen auf Ewigkeit und steten Neubeginn: »Die lebendige Ewigkeit selber ist nicht ohne die Kraft zum Grünen. Denn das ist Leben, dass der Geist ausgeht, grünt und Frucht bringt. Ohne Gott ist nichts gemacht worden, und so lässt Gott auch verdorren, was ihn nicht mit der grünen Lebensfrische alles Seins anrührt.«

Hildegard gilt nicht nur als mystische Seherin, sondern vor allem als die in theologischen und naturwissenschaftlichen Dingen kundigste Frau des Mittelalters. Bei dieser ›ersten Grünen‹ auf dem Disibodenberg weilte im üppigen Frühling 1147 Bernhard von Clairvaux zu Besuch. Er fand die Abtei im buchstäblichen wie im übertragenen Sinn noch in voller Blüte vor. Dies änderte sich rasch, nachdem Hildegard mit ihren Nonnen zum Rupertsberg gezogen war. Laxe ›Männerwirtschaft‹ machte sich breit, Wohlleben und Müssiggang leiteten sowohl moralisch als auch wirtschaftlich den Verfall ein. Erzbischof Gerhard von Mainz schritt ein, der Wildgraf, und rief Zisterzienser herbei, unter deren Ägide der Niedergang aufgehalten und eine abermalige Blütezeit für dreieinhalb Jahrhunderte (welch lange Frist!) gesichert werden konnte. Erst im Gefolge der Pfälzischen Erbfolgekriege nahte schließlich das Ende: »Das Kloster Disibodenberg, wo statt der Mönche Truppen lagen, musste jetzt für die Exzesse der Veldenzer schwer büßen. Es ward rein ausgeplündert; mit einer schonungslosen Zerstörungswut und ohne Plan verfuhren die Sieger gegen alles, was vorhanden war. Kein Gefäß, kein Hausrat blieb übrig; die Fässer Wein, deren eine große Zahl im Keller lag, wurden nicht geöffnet und benutzt, sondern mit den Waffen Löcher hineingestoßen, und wenn der erste Durst gestillt war, der Rest vergeudet.«

Diese drastische Schilderung eines Chronisten findet man bis heute an Ort und Stelle bestätigt, wenn auch das wüste Ruinenfeld eben dank der ›Grünkraft‹ nunmehr so romantisch anmutet: Ein anschauliches ›Memento mori‹ und zugleich ein Sinnzeichen dafür, wie ›neues Leben aus Ruinen sprießt‹ zwischen den Überresten von Basilika und Michaelskapelle, zwischen einstiger Prälatur und Hospizium, zwischen Schweinekoben (die gab's hier auch) und dem Marstall von ehedem.

Eine Abbildung aus dem Jahr 1724 lässt trotz der bereits dachlosen und teils eingesunkenen Gebäude klar erkennen, dass die einstige Klosterkirche ein Bauwerk ganz nach dem Typus der Gotteshäuser in Offenbach/Glan und Sponheim gewesen ist. Diese dreischiffige Pfeilerbasilika (57m lang, 34m breit), einst gekrönt von einem achteckigen Vierungsturm, kann anhand bedeutender Reste ihrer Grundmauern noch leicht festgestellt und abgeschritten werden. Sehenswerte Details des Mauersockels mit noch vorhandenen Reliefbruchstücken lassen ebenfalls einen direkten Vergleich mit Sponheim zu. Im übrigen, wenn man sich an der Basilika und dem gleicherweise im Grundriss erhaltenen Kreuzgang orientiert, können anhand des Lageplans auch die anderen Klostergebäude unschwer identifiziert werden. Manche Teile der alten Bauzier, kaum verwitterte Reliefsteine, Säulenbasen oder Türschwellen, liegen im Gesträuch beinahe so, als brauchte man sie für einen (freilich illusorischen) Wiederaufbau bloß zusammenzusetzen.

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